
Gelungene „Filmriss“-Premiere im TiL: Viel Provokantes aus dem Leben Jugendlicher
Ein pornografisches Video taucht an einer Schule auf, involviert ist ein Schüler. Die Lehrer sind gespaltener Meinung, für die einen ein roher Sittenverfall, für die anderen lediglich ein etwas ausgeuferter Spaß. Aber was bewegt die Jugendlichen zu solchen Handlungen, geht es hier um Selbstdarstellung, Provokation oder den Weg der Selbstfindung? Um eben diese Thematik geht es in Tina Müllers Theaterstück „Filmriss“, das nun im ausverkauften TiL eine gelungene Premiere feierte. Die Produktion entstand mit dem Jugendclub „Spieltrieb“ unter Leitung von Marco Ober und Abdul M. Kunze.
Äußerst offen und ziemlich provokant zeigten die jungen Darsteller im Alter von 13 bis 21 Jahren ihre ganz eigene Interpretation der Textvorlage von Tina Müller. Hin- und hergerissen zwischen Coolness und Selbstzweifeln, zwischen Unsicherheit und sexueller Selbstbestimmtheit, bekam der Zuschauer Einblick in die Probleme, die Jugendliche in der Pubertät beschäftigen. Das Thema Sex wurde zum Mittelpunkt erhoben, Gespräche auf dem Schulhof, im Freibad und am Rheinufer drehten sich um kaum etwas anderes. Und das in einer Intensität und Offenheit, dass manch ein erwachsener Zuschauer schlucken musste.
Am Vorbild einer durchschnittlichen Schulklasse bemessen, zeigte die Inszenierung zum einen hippe junge Mädels, die zwischen Kindsein und Erwachsenwerden ihre ganz eigenen Probleme entdecken. Von Eifersüchteleien unter besten Freundinnen, Selbstzweifeln ob des eigenen Erscheinungsbildes bis hin zu Verleumdung und Lügen. Pornos dienen als Vergleichsmittel der eigenen Sexualität und eine Fassade von Selbstinszenierung überspielt die eigenen Emotionen. Zum Anderen sind da die coolen Jungs, die mit sexuellen Höchstleistungen versuchen, sich gegenseitig zu übertrumpfen.
Ausdrucksstarkes Spiel
Alles dreht sich um Tussis, Mauerblümchen, Strandprinzessinen, Schlampen, Kumpels oder „Bitches“, wie die scheinbar unerschütterlich coolen Jungs ihre weiblichen Mitschüler titulieren - wären da nicht ab und an Gedanken an Zuneigung und Freundschaft, die sich in die triebgesteuerten Phantasien mischen und zum kurzzeitigen Nachdenken anregen. Aber Blöße zeigen ist „nicht drin“.
Die jugendlichen Darsteller überzeugten mit einem brillanten, äußerst ausdrucksstarken Spiel, bei dem keinerlei Hemmungen und Schamgefühl zu spüren waren. Von hysterischen Ausbrüchen, handfesten Streitgesprächen unter Freundinnen bis hin zu Gesprächen des Lehrerkollegiums war die Darstellung absolut überzeugend und professionell. Passend dazu auch das Bühnenbild, das unterschiedliche Lokationen wie ein Freibad, einen Schulhof mit stilechten Kritzeleien an den Wänden der Schule, ein begrüntes Ufer und einen Catwalk vereinte. Musik von Nirvana, Hot Chocolate und Elvis Presley wurde treffend zu den jeweiligen Stimmungen des Stückes gewählt.
Die Mitglieder des Jugendclubs arbeiteten aktiv an Inszenierung, Bühne und Kostümen mit. Mitwirkende waren Ali Can, in der Rolle des „Obercheckers Jackson“, Sibel Celikkale, Dana Golafra, Nicole Gouriya, Chiara Petry, Kathi Pracht, Linda Weber, Cosima Weisz, Ubaida Abdulmawjood, Cemil Uludag, Nick Westbrock und Duncan Wick in den Rollen der Schüler und Lehrer. Mitgearbeitet haben ebenfalls Annika Henrich, Thurid Goertz sowie das Team und die Werkstätten des Stadttheaters. Kathrina Friese, 02.05.2011, Gießener Anzeiger